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Die Weide

Es war einmal ein kleiner Baum. Er stand zusammen mit vielen anderen, deren Namen er nicht kannte. Es war eng, die Erde nackt. Der Mensch, der jeden Tag in seiner grünen Hose zu ihnen kam, um ihnen Wasser zu geben, hatte seinen Wurzelballen eingepackt. Warum, wusste der Baum nicht. Er wusste nur, dass es sich ganz schrecklich anfühlte. Eines Tages kam ein anderer Mensch daher und sprach, er möchte eine Weide kaufen. Der Mensch in grün kam auf ihn, den Baum zu. „Ja“, dachte er, „ich bin eine Weide.“ Sie wurde grob angefasst und sie gruben sie mitsamt seiner Wurzel aus. „Zum Glück sind meine Wurzeln alle zusammen in diesem Beutel, sonst hätten die beiden mir alle meine kleinen Wurzeln abgerissen.“ Als die Weide emporgehoben wurde, wurde ihr ganz schwindelig. Der Mann in grün sagte: “Die Weide kann mit dem Beutel eingepflanzt werden, der löst sich irgendwann auf.“ Ungläubig sah die Weide auf ihren Wurzelballen. Dann wurde sie in eine Art Schubkarren gelegt. Die hatte aber vier Räder und ein Dach, nur keine Griffe. Ganz schräg liegend sah sie durch das Fenster die anderen Bäume an ihr vorbeifliegen. „Das muss ein schlimmer Traum sein“, sagte sie zu sich und kniff die Augen zu. Sie öffnete sie erst wieder , als sie nach vielen Erschütterungen wieder senkrecht stand. „Ein kleiner gemütlicher Garten“, freute sie sich, denn es standen noch viele andere Bäume in der Nähe. Der Mensch hob ein Loch aus und stellte die Weide hinein. Sie flehte, sie schrie, aber niemand vernahm ihre Bitte, die Hülle von ihren Wurzeln zu entfernen. Die Erde wurde darauf geschaufelt und festgetreten. Das Wasser aus einem großen Eimer sickerte schnell durch die lockere Erde hindurch und entnahm ihr kräftigende Stoffe. Das tat gut, sie merkte wie die Kraft in sie hineinfloss. Aber die kleinen Wurzelspitzen hatten den Drang, ihre Finger durch  diese Erde zu wühlen, an die schönsten Stellen heranzukommen. Es drückte, es quetschte aber nur. So stand sie also in ihrem neuen Garten. Sie versuchte, an etwas Schönes zu denken. Sie besann sich ihrer anmutig geformten Blätter, ihrer schlanken Zweige, ihrer ebenmäßigen jungen Rinde. Sie spürte ihre Kraft durch die Leitbahnen fließen. Menschen flochten gute Körbe aus ihren jungen Zweigen. Ganz besonders stolz aber war sie auf den Stoff, den sie in ihrer Rinde beherbergte. „Ja, das kann nicht jeder Baum!“, dachte sie sie mit einem Anflug von Hochmut. Von ihren Ahnen wusste sie, dass früher manchmal Menschen zu den Weiden gingen, um etwas von der Rinde abzunehmen. Es war nie viel, die Wunden heilten immer schnell wieder zu. Aber beim ersten Mal waren die Weiden schonerbost ob dieser groben Behandlung, bis sie mitbekamen, wofür die Menschen die Rinde brauchten. Sie schnitten sie in kleine Stücke und kochten sie aus. Den Sud gaben sie anderen Menschen zu trinken, die nicht mehr stehen oder umherlaufen konnten, die verletzt waren. Manche von ihnen hatten eine ganznasse Stirn und ein heißes Gesicht, wie nach einem schnellen Lauf. Die Gesichter verzogen sich oft zu einer Grimmasse, wenn der Sud ihrer Rinde hinter den Lippen der Menschen verschwand. „Ja“, nickten die Weiden dann wissend, „der hat es in sich!“ Die Menschen, die den Sud getrunken hatten, konnten bald darauf wieder aufstehen. Auch die nasse Stirn war wieder wie vorher. So ließen sich die Weiden es gefallen, ab und zu ein wenig Rinde zu verlieren, und erzählten ihren Nachkommen davon. Irgendwann hat ein Mensch allen Weiden einen Namen geschenkt: Salix. Und uns zu Ehren wurde das, was die Menschen von der Hitze befreite und ihnen die Schmerzen nahm, unser Geheimnis in der Rinde, wohlklingend Salicylsäure genannt. Da es den Menschen aber starke Bauchschmerzen machte, veredelte ein Forschermensch es, um seinem kranken Vater zu helfen. Seither ist unser Geheimnis der Weidenrinde auf der ganzen Welt berühmt. Die Weide erwachte aus ihrem Tagtraum. Ein Gefühl des Stolzes rann ihr durch die Leitbahnen, bis in die kleinste Blattspitze. Sie richtete sich auf und plusterte die Krone voller Wohlgefühl. Als sie auch ihre Wurzeln ausstrecken wollte, drückten sie wieder gegen den engen Beutel. Traurig ließ sie alle Blätter hängen. Sie beschloss, von nun an nicht mehr zu wachsen. Trotzig stand sie im Garten, der ihr ein so schönes Zuhause hätte sein können, und nahm sich aus der fruchtbaren Erde nur das Nötigste. Auch entledigte sie sich der meisten ihrer Blätter, um sich nicht in ihrer ganzen Pracht und Fülle der Mutter Sonne hinzugeben.

So stand sie Tag um Tag und fühlte sich verloren und vergessen.

Dann kam eine Zeit, in der ihre Menschen geschäftig hin- und herliefen, aufgeregt. Voller Neugier beobachtete sie das Treiben – aus den Augenwinkeln nur, es sollte ja nicht auffallen, sie war ja immer noch traurig und verletzt.

Plötzlich kam einer der Menschen auf sie zu und hob sie mit einiger Mühe aus der gelockerten Erde. Er legte sie in einen Schubkarren und schob sie so am Haus vorbei aus dem Garten heraus. Es ging über eine Straße hinüber, auf ein herrlich großes Stück Land. Da stand ein Haus, das ziemlich neu aussah. Nebenan stand ein altes Bauernhaus. Sie ließ nun alle Vorsicht fallen und blickte sich offen und neugierig um. Im Garten um das Nachbarhaus standen stattliche Vettern von ihr, alle möglichen Arten. Auf dem neuen Stück Land standen auch ein paar, aber die waren noch sehr klein. „Ha!“, Wahrscheinlich haben die auch alle einen Beutel um die Wurzeln“, dachte sie grimmig.

Der Mensch stellte die Schubkarre ab. Er ging zu zwei mittelgroßen Findlingen, die vor einem ausgehobenen Teich lagen. Er blickte zum Haus, blickte zu den Findlingen. Dann wanderte er zum Haus und blickte an der Hauswand entlang wieder zu den Findlingen. Die Weide beobachtete das alles mit großem Staunen. Sie hatte keine Vorstellung, was das zu bedeuten hatte.

Dann schnappte sich der Mensch einen Spaten und marschierte schnurstracks auf die beiden Findlinge zu. Etwa drei Meter davor blieb er entschlossen stehen und rammte den Spaten in die Erde. Der Weide kristallisierte in jeder Zelle die Stärke aus vor Schreck.

Der Mensch grub ein großes tiefes Loch, legte den Spaten beiseite und kam auf die Weide zu. Er hob sie am Stamm hoch und trug sie zum Loch. Er hielt inne, betrachtete sie, fühlte die Blätter, wie sie knisternd zwischen seinen Fingern zerrieselten. Sein Blick fiel auf den Wurzelballen. Er verharrte kurz, kratzte sich nachdenklich am Kopf. Dann nahm er sein Messer und trennte das Band, das den Beutel hielt mit einem Ruckdurch. Er entfernte den ganzen Beutel.

Die feinen Wurzeln darin waren ganz verfilzt und so zusammengepresst, dass sie die Form behielten. Aber der Weide floss ein wohliges, befreites Gefühl durch die Leitbahnen. Sie konnte ihr Glück nicht fassen. Der Mensch stellte sie ohne Beutel in das Loch, füllte es mit duftender, humusreicher Erdeund drückte sie um den Stamm herum fest. Und wieder fühlte sie die Wohltat des Wassers, das die Erde in alle Hohlräume ihres Wurzelwerkes schwemmte.

Die Weide dachte: „Danke, ich danke Dir, Mensch, mit jeder Zellulosefaser. Den Rest schaffe ich allein. In ein paar Wochen werden meine Wurzelspitzen ihre eigenen Wege gesucht und die lockerste und beste Erde im Umkreis von der Größe meiner Krone gefunden haben.“

Die Sonne versank hinter dem Horizont. Es war ein schöner Anblick. Die Weide war erschöpft von diesem Umzug, vom Versuch, ihre Wurzeln auszustrecken. So rollte sie ihre Blätter ein und entspannte sich. Doch so richtig kam sie nicht zur Ruhe, zu sehr funkten ihr noch die Ereignisse des Tages durch die Chloroplasten. Neugierig sah sie sich um, sah in den Sternenhimmel. Da verstand sie plötzlich!. Sie stand so vor den beiden Findlingen, dass die Linie zwischen ihr und dem Nordpolarstern genau zwischen den beiden Findlingen hindurch verlief. Sie war zum Nordpolarstern hin ausgerichtet! Sie zeigte mit den beiden Felsen zusammen an, wo Norden war! Sie raschelte voller Stolz kräftig mit den wenigen Blättern, die sie noch hatte. Und sie nahm sich vor, von nun an kräftig zu wachsen, ihre ganze Pracht zu entfalten.

Und so geschah es.

Sie wuchs mit gleich zwei Hauptstämmen zu einer stattlichen Größe heran. Ihr Zweigwerk war so prächtig, die vielen sattgrünen  Blätter waren so schwer, dass sich die Zweige elegant fast bis zum Boden neigten und jedem, der es wollte, einen kühlenden Schatten spendete.

Es ging ihr gut.

Sie freute sich jedes Mal, wenn sie Besuch bekam. Da waren zum Beispiel die Hühner. Ein Huhn aus dem Garten war ganz vernarrt in den Zwerghahn der Nachbarn, und das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Denn er flog mit seinen ungestutzten Flügeln über den Zaun. So trafen sich die beiden in der Abenddämmerung – unter der stattlichen und glücklichen Weide.

Es liefen Hunde über ihre Wurzel, spielten und tobten um sie herum. Dass sie auch mal gegen ihren Stamm pinkelten, störte die Weide nicht. Das Frauchen des großen schwarzen Hundes wanderte jeden Tag an der Weide vorbei. Manchmal pflückte sie etwas aus dem weiten Bärlauchteppich, der im Februar tiefgrün zu Füßen der Weide den nahenden Frühling ankündigte.

Nachdem der große schwarze Hund sie nicht mehr besuchen kam, tapste ein weißbrauner Welpe unbeholfen durch den Garten, der inzwischen zu einem großen Park herangewachsen war. Es bereitete der Weide große Freude, den Welpen heranwachsen zu sehen.

Eines Nachts wurde die Weide in einen Traum gerufen. Sie ließ es zu. In diesem Traum stand an ihrem Stamm eine Bank und auf der Bank saß ein Pärchen mit längst ergrautem Haar. Sie fühlten sich sichtlich wohl dort und die Weide freute sich darüber. Kurz darauf tobten ab und zu noch drei weitere Hunde um ihren Stamm.

Ein Mädchen, manchmal in Begleitung eines zweiten, kletterte, die Verzeigungen der Äste geschickt nutzend, fröhlich in der Krone der stattlichen, stolzen Weide herum.

So viele Jahre stand sie nun hier, glücklich. Jedes Wetter hat sie erlebt. Doch eines Tages zog ein Tief mit Namen „Christian“ über Norddeutschland und brachte einen Sturm mit sich, der ihr Angst und Bange machte. Sie stemmte sich mit aller Kraft gegen die heftig heranrauschenden Böen, die ohne Unterlass an ihrer Krone zerrten und rüttelten.

Die Weide sah ein, dass ihre Krone zu groß war, zu sehr war sie in den vergangenen Jahrzehnten der Sonne entgegengewachsen.

Sie ließ los, sie ließ es geschehen.

Mit lautem Getöse brachen die Hauptäste, brach der Stamm. Splitter flogen durch die Luft. Sie aber neigte ihre Äste mit Blattwerk zur Erde und blieb dort liegen.

„Ich wünsche mir“, formte die Weide stumm ihre Worte, „dass die Menschen, die mich lieben, mich vorsichtig von meinen gebrochenen Ästen befreien, dass sie sie nutzen, denn sie können noch die Wärme schenken, die ich einst mit ihren Blättern von der Sonne aufgesogen habe. Ich wünsche mir, dass sie meine tiefen Wunden pflegen. Und ich verspreche, dass ich all meine Kraft in meine Nodien stecken werde. Und wenn im nächsten Frühling die Sonne meinen verbleibenden Stamm wärmt, werden neue Zweige, frisch und grün, daraus erwachsen. Und diese Zweige können dann später anderen Menschen, anderen Tieren, anderen Pflanzen, die auf diesem Land leben werden, Schatten spenden  – wenn sie ehrfurchtsvoll mit ihrer Hand über meinen alten Stamm streichen, nach oben in die junge Krone blicken und sich fragen, was ich wohl schon alles erlebt habe.“

– Ende —